Die Geschichte des Karate-Do - Karate Gäufelden

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Die Geschichte des Karate-Do

Karate-Do


Um auf dieses Thema einzugehen, sollte zunächst einmal ein kurzer geschichtlicher Ausblick auf die Entstehung der Kampfkünste grundsätzlich erfolgen. Dieses Thema abschließend zu behandeln würde wohl den Rahmen dieses "Aufsatzes" sprengen. Deswegen fasse ich mich so kurz als möglich und führe nur das Wesentliche an.

Die ersten Aufzeichnungen über "Kampfkünste" finden sich in einigen Hieroglyphen in ägyptischen Pyramiden. Dort ist auf einigen Zeichnungen zu erkennen, daß Ägyptens Krieger schon vor etwa 6000 Jahren Kampftechniken benutzten, die modernem Ringen und Boxen ähneln. Nach Ansicht vieler Experten kamen diese Kampfkünste über Kreta, das viel Handel trieb, ca. 1800 v. Chr. nach Griechenland. Dort kam es in Form des Pankration (Allkampf aus Boxen-Ringen-Treten) bereits zu Wettkämpfen welche meist mit dem Tod eines der Kontrahenten endete.

Während den Griechen das Pankration später wohl zu grausam erschien, haben es ihre Erben, die Römer, im Gladiatorenkampf wieder aufleben lassen. Diesen "europäischen" Zweig der Kampfkünste weiterzuverfolgen können wir uns sparen, da wir Europäer mit der Erfindung des Schießpulvers "faul" wurden und die über Jahrtausende gewachsenen Kampfkünste vergaßen.

Also verfolgen wir den anderen "Zweig" des Pankration von Griechenland weg. Im Jahre 372 v. Chr. begann Alexander der Große seinen Indienfeldzug. Er führte die besten Pankratiasten zur Truppenunterhaltung im Heer mit und ließ sie stets siegreich gegen die besten Kämpfer der besiegten (indischen) Fürstenhöfe antreten. Die indische Kriegerklasse erlernte zu ihren indischen Methoden die neuen Techniken der Griechen.

Bodidharma (Ta Mo, Daruma), ein indischer Königssohn, lernte diese Kampfmethode, die sich bald mit indischen Yoga-Praktiken zu einem jetzt typisch indischen Stil vermischt hatten. Etwa 520 n. Chr. brachte Bodidharma den Buddhismus nach China.

Er lehrte in dem legendären Shaolin-Kloster in Honan (China) die sogenannten  Mönchsboxübungen, allerdings nicht mit martialischem sondern eher meditativem Charakter. In erster Linie sollten die Mönche körperlich und geistig gestärkt werden, um die Belastungen des Meditierens (oft wochenlang ohne Nahrung) ertragen zu können. Während kriegerischer Auseinandersetzungen, denen sich auch die Shaolinmönche nicht entziehen konnten, gelangten ihre Künste nach außen. In den Jahren 627-649 n. Chr. nahm China Handelsbeziehungen mit Japan, zunächst Okinawa auf. Auf Okinawa gab es bereits ein bestehendes Selbstverteidigungssystem, das "Tode", welches ausschließlich Selbstverteidigung war und weit davon entfernt, einen philosophischen, ethischen oder gar therapeutischen Inhalt zu haben. Als sich das "Tode" mit den chinesischen Kampfkünsten vermischte, wurde diese neue Kampfkunst "Okinawa-Te" genannt. Das Okinawa-te stand den alten Stilen noch sehr nahe. Alle Fußtechniken richteten sich zur mittleren und unteren Stufe, wobei alles Spektakuläre als Risiko angesehen wurde (alle Fußtechniken die in den Kata nicht enthalten sind, sind neueren Datums und wurden erst in Japan entwickelt. Ihr Sinn dient dem Wettbewerb, im okinawanischen Selbstverteidigungssystem wurden sie wegen dem zu großen Risiko nicht geübt). Die Trainingsmethoden zwischen dem Okinawa-te und dem heutigen Wettkampf-Karate zeigten erhebliche Unterschiede. Während heute das Training darauf ausgerichtet ist Punkte im Wettkampf zu sammeln, betonte das Okinawa-te die Wirkung der Technik. Man übte nicht um zu gewinnen sondern um zu überleben. Das setzte voraus, daß der kämpferische Sinn der Technik nicht allein im Treffen des Gegners lag, sondern vielmehr in der Wirkung. Die Techniken, die heute in den klassischen Kata vorkommen, können nur verstanden werden, wenn man sie unter diesem Blickpunkt betrachtet. Der nächste technische Unterschied zum heutigen "Sport" liegt im Umgang mit der Distanz. Im heutigen Wettkampf - Karate werden allgemein Distanzen akzeptiert, die für die sofortige Beendigung eines Angriffes untauglich sind. Jeder ernsthafte Karateka sollte sich meiner Ansicht nach dessen bewußt sein und entsprechend trainieren (bewußte Zweiteilung Karate und Wettkampftraining). Im Okinawa-te gab es keine "Übungskämpfe", die Kata wurde als das Herz der Kampfkunst betrachtet und das Makiwara (Schlagbrett zum Abhärten der Hände) als seine Seele. Im Jahre 1921 wurde das Okinawa-te von Meister Gichin Funakoshi von Okinawa nach Japan gebracht. Meister Funakoshi änderte nun den Namen dieser Kampfkunst in Karate-Do (Weg der leeren Hand), ab diesem Zeitpunkt veränderte sich diese Kampfkunst zunehmend, da es nicht mehr grundsätzlich um Leben und Tod ging. Aber auf diesen Punkt möchte ich später noch einmal zurückkommen.

Zunächst einmal zu Meister Funakoshi. Er wurde 1869 auf Okinawa geboren. Sein Vater war ein Experte im Kampf mit dem okinawanischen Stock (Kon). Durch dessen Verbindungen zu anderen Meistern der Kampfkünste wurde der junge Gichin Funakoshi Schüler des Okinawa-te Meisters Anko Azato. In seinem Buch, "Karate-Do, mein Weg" beschreibt Meister Funakoshi seine Lehrjahre als sehr harte Zeit. Zu jener Zeit wurde Karate (damals noch Okinawa-te) im Geheimen geübt, und dies machte es nötig seinen Lehrer bei Nacht zu besuchen. Oft dauerte das Training bis in die Morgenstunden. Es bestand nur aus den Wiederholungen der Kata. Er wurde getreu dem Grundsatz trainiert, eine Kata mindestens 3 Jahre zu üben. Meister Azato lehrte Funakoshi erst dann eine neue Form, wenn er die alte gut genug beherrschte. Meister Funakoshi schreibt, daß er 10 Jahre lang täglich die Kata "Tekki-Shodan" üben mußte, ehe Meister Azato mit ihm zufrieden war.

Im Laufe der Jahre kam Meister Funakoshi eine immer größere Bedeutung als Kampfkunstexperte zu. Im Jahre 1902 zeigte Funakoshi eine Vorführung, welche das Kultusministerium in Tokyo veranlaßte, Karate als Teil des Lehrplanes an den okinawanischen Schulen einzuführen. Daraufhin entwickelte Meister Itosu die Pinan (Heian) Kata. Die Japaner, die nun auf Meister Funakoshi aufmerksam geworden waren, luden ihn nun nach Japan ein, wo er am 06.04.1921 eine Vorführung vor dem japanischen Erbprinzen Hirohito zeigte. Durch diese Vorführung von Meister Funakoshi hatte Japan zum ersten Mal seit 300 Jahren wirklichen Kontakt zu dem sagenumwobenen Okinawa-te. Meister Funakoshi sollte nie wieder nach Okinawa zurückkehren. Er nannte seine Kampfkunst nun Karate-Do und wurde von den Okinawanern beauftragt, als Bote der Freundschaft in Japan zu bleiben und den Japanern einen 300 Jahre alten Wunsch zu erfüllen: die Freigabe des Geheimnisses um das alte okinawanischen "Tode" bzw. später Okinawa-te. Hierzu muß gesagt werden, daß Japan und Okinawa zuvor eine jahrhundertealte tiefe Feindschaft belastete. Meister Funakoshi gründete mehrere Karateklubs an den japanischen Universitäten. An der Keio-Universität, wo er u.a. unterrichtete, lernte Funakoshi den "Vater des Judo" Jigoro Kano kennen. Die beiden Männer freundeten sich an. Diese Freundschaft hatte auch eine Auswirkung auf das Karate, denn Funakoshi übernahm das Graduierungssystem (zunächst nur DAN-Grade) des Judo.

An dieser Stelle möchte ich nochmals auf die Veränderungen vom Okinawa-te zum Karate-Do eingehen. Auf Okinawa hat sich Karate eigenständig weiterentwickelt, blieb jedoch weitgehend seinem ursprünglichen traditionellen Inhalt treu, während das Karate in Japan eine ganz andere Richtung einschlug.

Funakoshi war von vielen Ideen Kanos begeistert, so auch von der weltweiten Verbreitung des Karate nach dem Vorbild des Judo. Andererseits hielt Funakoshi überhaupt nichts von sportlichen Vergleichskämpfen, er hatte sehr schnell die negativen Auswirkungen auf sein Karate erkannt. Dennoch war die Entwicklung der Versportlichung selbst von Meister Funakoshi nicht mehr aufzuhalten. Er versuchte noch durch kleinere Zugeständnisse (er erlaubte Kata-Bunkai (Anwendung)) diese Entwicklung rückgängig zu machen, aber wie gesagt ohne Erfolg.

Im Jahre 1927 tauchten dann gravierende Probleme auf. Drei seiner Schüler setzten sich über seine ausdrückliche Weisung hinweg und begannen Übungskonzepte zu entwickeln, die sich an der Wettbewerbsauffassung des Kendo orientierten. Böse über diese Regelübertretung verbot er ihnen, jemals wieder sein Dojo zu betreten. Diese strenge Maßnahme ergriff er, weil Karate seit jeher als Kunst der Selbstverteidigung gelehrt wurde. Die Meister sahen den Wert des Karate schwinden, wenn dieses Ziel sich verändern würde. Das strenge System Kata wurde als psychologische und körperliche Ausbildung verwendet und die Ausübung des Karate als Wettkampf war streng verboten, weil dadurch das Gegenteil zu dem erreicht wird was die Übung des Karate bezweckt: die Überwindung des Ego. Meister Funakoshi legte sehr großen Wert auf die Lehre des Karate als Kunst und war gegen jede Interpretation als Sport. Dementsprechend waren auch seine Übungssysteme. Das Üben und Entwickeln von Angriffstechniken war verboten, wie auch die Befreiung des Übenden aus den strengen Systemen der Kata hin zu den egobefreienden Übungen des Freikampfes. In Japan war man jedoch gerade dabei, alle alten Kampfkünste in Wettbewerbssportarten umzufunktionieren, weil einige Meister der damaligen Zeit glaubten, daß dies die einzige Möglichkeit der weltweiten Verbreitung sei (z.B. Kano, Judo; man beachte was aus der Kampfkunst Judo geworden ist). Meister Funakoshi konnte mit seinen Schülern der ersten Generation (vor dem Krieg) widerstehen, doch dann kamen junge Leute wie Nakayama oder Nishijama, die gegen die strenge Tradition revoltierten. Sie forderten die Veränderung des Karate zum Wettbewerb. Da Meister Funakoshi in diesem Punkt nicht nachgab kam es zur Spaltung. Die treibende Kraft bei dieser Spaltung war Masatoshi Nakayama. Er trieb das Wettkampf-Karate in Japan immer weiter voran während Meister Funakoshi sich immer weiter zurückzog. 1948 beauftragte er seinen treuesten Schüler Shigeru Egami die Kampfkunst in seinem Namen weiterzuführen. Dieser respektierte den Willen des Meisters und lehrte den Stil treu in Gesinnung und Methode bis zu seinem Lebensende 1981. Zurück zu Nakayama. Er organisierte die Schüler der Takushoku-Universität neu und gründete 1949 die JKA (Japan-Karate-Association). Im Jahre 1955 übernahm Nakayama selbst die Leitung und es gelang ihm den ersten offiziellen Wettkampf auszutragen, der von Hirokazu Kanazawa gewonnen wurde. Entgegen der heute als offiziell bekannten Wahrheiten war Meister Funakoshis Beziehung zur JKA mehr als lose. Die Verbandspolitik dieser Organisation und ihr unbändiges Streben nach Macht und internationaler Verbreitung fand nie seine Anerkennung. Für die JKA war der alternde Meister nicht mehr als ein Markenzeichen. Man berief sich auf sein Erbe, doch die wahren Wege seiner Kunst wurden verlassen. Für die Meister der JKA, die in ihrer Jugend durch Funakoshis harte Ausbildung gingen, war es leicht, gegen die vielen Wettkampfschulen der damaligen Zeit zu bestehen und innerhalb nur kurzer Zeit eine absolute Machtstellung einzunehmen.

Meister Funakoshi erlebte dies nicht mehr, denn er starb am 26.04.57 im Alter von 88 Jahren. Mit ihm ging einer der größten Meister des Karate die es je gab. Sein Leben war von einem anhaltenden Kampf um jene menschlichen Werte gekennzeichnet, die es in der Übung des Karate-Do zu erreichen gilt. Er verabscheute die Ausbildung von Kämpfern ohne Moral und wurde deshalb oft belächelt. Zu jenen die das nicht einsahen sagte er: "Was nützt euch eure starke Technik, wenn ihr keine Philosophie besitzt?". Nach dem Tode Funakoshis setzte sich die JKA vollends durch. Nakayama bildete 1958 eine Instruktorenklasse an der Takushoku-Universität. Diese ausgewählten Meister wurden in die ganze Welt gesandt um das Karate zu verbreiten. Unter ihnen Shihan Hideo Ochi. Es ist bemerkenswert, daß wir heute sogar in Deutschland wieder eine solche Entwicklung (immer weiter weg von den Traditionen) haben wie damals (DKV / DJKB). Inzwischen gibt es eine deutliche Gegenbewegung. Der DJKB (ein Ableger der JKA) sucht den Weg zurück zum traditionellen Karate. Ich bin der Meinung, daß es an jedem Schüler der Kampfkunst selbst liegt zu entscheiden wie und was er trainiert/übt. Für manchen wäre es sinnvoller gleich einen modernen Kampfsport wie Kickboxen zu wählen und nicht eine Kampfkunst, die ein hohes Maß an Disziplin fordert. Werner Lind ein Karatemeister schrieb einmal: "Die korrekte Übung der Kampfkünste zeigt dem Menschen den Weg zur ganzheitlichen Selbstperfektion, doch dies schließt weit mehr ein als das Erlernen eines virtuosen Kampfstieles".

Bezugsquellen aus der Literatur:
- Keith Ronald Kernspecht: Vom 2-Kampf
- Werner Lind: Die Tradition des Karate

Artikel von Heiko Zimmermann

Im Juni 1993

 
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